Bis zu 20 Prozent der Menschen in Deutschland reagieren sensitiv auf das in Getreide vorkommende Klebereiweiß Gluten. Am ausgeprägtesten ist diese immunologische Reaktion bei Patienten mit Zöliakie oder der seit neuestem als Krankheitsbild eingeführten Nichtzöliakie-Glutensensivität (oder Weizenunverträglichkeit). Darunter werden Beschwerden zusammengefasst, die durch den Verzehr von Weizenprodukten oder glutenhaltigen Nahrungsmitteln ausgelöst werden werden. Diese Beschwerden ähneln denen einer Zöliakie oder eines Reizdarmsyndroms: Völlegefühl, Bauchschmerzen, Durchfälle, aber auch diffuse Beschwerden wie Abgeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen und eine depressive Stimmung. Die Diagnose erfolgt nach einer strengen sechswöchigen Vermeidung von glutenhaltigen Produkten. Wenn sich bei Wiedereinführung einer glutenhaltigen Ernährung die Symptome erneut zeigen, ist vom diesem Krankheitsbild auszugehen. Im Gegensatz zu einer Zöliakie kann die Nichtzöliakie-Glutensensivität nach einer gewissen Zeit – auch nach Jahren – wieder abklingen. Die Diagnose einer Weizensensitivität ist somit eine Ausschlussdiagnose. Labordiagnostisch kann eine Nichtzöliakie-Glutensensivität nicht nachgewiesen werden. Auch bei einer Magen-Darm-Spiegelung ist der Dünndarm makroskopisch unauffällig. In welchem Zusammenhang steht diese Erkrankung nun mit einem Reizdarm? Die Mehrzahl der Patienten mit Nichtzöliakie-Glutensensivität hat reizdarmähnliche Beschwerden. Daher wird zurzeit noch diskutiert, ob dies eine eigenständige Erkrankung mit immunologischer Komponente ist oder ob es sich um eine Untergruppe des Reizdarmsyndroms handelt (Abb.1).

Abb.1: Zusammenhang zwischen Reizdarm und Glutenunverträglichkeit (nach Catassi C. Gluten sensitivity. Ann Nutr Metab 2015; 67 (Suppl. 02): 16 – 26)
Viele Reizdarmpatienten haben eine Glutenunverträglichkeit
Eine Ursache des Reizdarms kann eine Nahrungsmittelintoleranz sein. Das heißt, bestimmte Nahrungsmittelunverträglichkeiten können die Symptome eines Reizdarms auslösen. Bei rund 30 Prozent der Reizdarmpatienten wird auch eine Nichtzöliakie-Glutensensivität diagnostiziert. Bereits 2001 konnte in einer Studie festgestellt werden, dass eine Subgruppe von Patienten mit Reizdarmsyndrom von einer glutenfreien Ernährung profitiert. Reizdarmpatienten sollten also mithilfe der Ausschlussdiagnose feststellen, ob sie auf Gluten reagieren. Ist dies der Fall und es handelt sich um eine Nichtzöliakie-Glutensensivität. Während sich Zöliakiebetroffene ein Leben lang glutenfrei ernähren müssen, verträgt der von einer Gluten-/Weizensensibilität Betroffene je nach Ausprägung eine gewisse Menge an Gluten. Allerdings ist auch hier die Vermeidung von Gluten die wichtigste Therapieform: In der Regel tritt schon nach ein bis zwei Wochen glutenfreier Ernährung eine Besserung ein.
Viele Lebensmittel können Gluten enthalten
Das Problem: Glutenhaltige Lebensmittel zu vermeiden, kann beim Essen außerhalb der eigenen Wohnung fast unmöglich sein. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass selbst bei einer glutenfreien Diät die ungewollte Glutenaufnahme zwischen 200 und 3.000 mg pro Tag liegen kann, je nachdem, wie streng die Diät befolgt wird. Denn auch als glutenfrei deklarierte Lebensmittel können einen Glutengehalt von bis zu 2mg/100g aufweisen. Bei Produkten, die einen hohen Getreideanteil haben (z.B. Frühstückscerealien, Produkte aus Mais-, Reis-, Kartoffelmehl oder -grieß usw.), besteht ein Kontaminationsrisiko, d.h. es könnte sein, dass diese Produkte Spuren von Gluten enthalten, die bei Zöliakie- oder Glutensensibilitätsbetroffenen zu Beschwerden führen können. Gerade dann, wenn man außerhalb speist, sei es bei Freunden oder im Restaurant, ist es extrem schwierig, 100 Prozent glutenfrei zu essen.
Neues Enzym baut Gluten ab
Für alle, die auf eine glutenarme Ernährung achten und dabei den Gehalt an trotzdem noch vorhandenem Gluten (Restgluten) reduzieren wollen, können dies seit neuestem mit bestimmten Präparaten tun, die Prolyloligopeptidase enthalten, einem Enzym, das wissenschaftlich nachgewiesen das Gluten bereits im Magen weitgehend abbaut (z.B. Gluten pro + Calcium) Die immunologische Reaktion bleibt aus. Das Enzym Prolyloligopeptidase ist in Europa offiziell von der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) geprüft und als sicher eingestuft worden. Solche Präparate sind dazu bestimmt, den Abbau von Gluten in einer glutenarmen Ernährung zu unterstützen, dienen also als zusätzliches Sicherungsnetz bei einer glutenarmen Ernährung. Sie sollen weder eine glutenarme Ernährung bei Zöliakie ersetzen noch eine Zöliakie verhindern oder behandeln.
Versteckte Quellen von Gluten in Lebensmitteln
- sämtliche Wurstsorten
- Fischzubereitungen
- Frisch- und Schmelzkäsezubereitungen
- Bindemittel (z.B. in Mayonnaise, Remouladen, Light-Produkten)
- Mischgewürze wie Curry, Gewürzmischungen, Kräutersalz, Salatsoßen
- Getreidekaffee, Bier, Mixgetränke, Whisky, Säfte mit Ballaststoffen
- Trägersubstanz von Medikamenten













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